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Jean-Baptiste Lalheve 1881 - 1944 Bearbeiten

Geboren 26.6.1881 in Accous
Gestorben 23.8.1944 in Hartheim

Biografie

Anne-Marie Lanusse und Jean-Baptiste Lalhève heirateten am 4. Oktober 1913 und hatten vier Kinder: Joseph (geboren am 1. Oktober 1914), Hélène (geboren am 9. Oktober 1919) und schließlich Jean-Pierre und Léon. Die zwei Jüngsten waren ledig, lebten bei den Eltern im Weiler Lhers in Accous (Departement Basses-Pyrénées) und waren ebenso wie ihr Vater Landwirt von Beruf.

Das in unmittelbarer Nähe der spanischen Grenze und an der von Ludwig XIV. erbauten königlichen Straße nach Canfranc in Spanien gelegene Dorf Accous im Aspe-Tal war ein stark frequentierter Durchgangsort. Auch die Nähe der Eisenbahnlinie von Pau nach Canfranc erklärt die hohe Verkehrsdichte in diesem Teil der Pyrenäen. Seit 1941 gehörten Jean-Baptiste und seine beiden Söhne einer Gruppe an, die illegal in Frankreich anwesenden Personen zur Flucht nach Spanien verhalf. Die Fluchtwilligen versteckten sich in der Lokomotive des Zuges, um nach Cette-Eygun zu gelangen, wo sie von einem Fluchthelfer in Empfang genommen wurden.

Am 14. Jänner 1944 standen zwei Männer vor der Tür der Familie Lalhève und baten nachdrücklich darum, von einem der beiden Söhne bis zur Grenze begleitet zu werden. Diese Bitte wurde ihnen zunächst abgeschlagen, aber angesichts der Eindringlichkeit beschloss Jean-Pierre, die Männer zur Grenze zu begleiten, sobald die restliche Familie schlafen gegangen sei. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass die beiden Männer Polizisten waren. Sie versuchten, Jean-Pierre zu verhaften, aber dem jungen Mann gelang es, sie in den Bergen abzuschütteln, da er die Gegend sehr gut kannte. Am nächsten Tag begaben sich die Deutschen nach Lhers und nahmen Jean-Baptiste und Léon fest. Jean-Pierre war nicht nach Hause zurückgekehrt, erfuhr aber von der Verhaftung seines Vaters und seines Bruders; diese sollten freigelassen werden, wenn er sich der Polizei stelle. Er begab sich noch am selben Tag zur Polizei, um sich festnehmen zu lassen. Jean-Baptiste und Léon wurden dennoch nicht freigelassen.

Alle drei wurden zuerst nach Oloron, dann nach Pau und schließlich ins Konzentrationslager Royallieu bei Compiègne (Frontstammlager 122) gebracht, wo Jean-Baptiste unter der Nummer 28286, Jean-Pierre unter der Nummer 28288 und Léon unter der Nummer 28284 registriert wurden. Am 22. März 1944 wurden sie zusammen mit mehr als 1.200 Männern im Zuge des ersten großen Konvois des Jahres 1944 nach Österreich deportiert. Nach einer dreitägigen Fahrt in Viehwaggons erreichten sie Mauthausen am 25. März 1944, wo sie unter folgenden Häftlingsnummern registriert wurden: 60116 (Jean-Pierre), 60117 (Léon) und 60118 (Jean-Baptiste); Jean-Baptiste wurde als Letzter registriert, da sein Name falsch geschrieben worden war (Lallève statt Lalhève), und er aufgrund der alphabetischen Reihenfolge nach seinen Söhnen zu stehen kam.

Bereits am 28. März wurde der damals 65-jährige Jean-Baptiste im Revier aufgenommen. Bald danach wurde er das Opfer einer der berüchtigten im Sanitätslager durchgeführten Selektionen, bei denen die Schwächsten bzw. Arbeitsunfähigen „aussortiert“ wurden; er starb in Hartheim, vermutlich bereits kurz nach seiner Ankunft im Lager, obwohl er offiziell erst am 23. August 1944 für tot erklärt wurde. Der Datumsunterschied lässt sich durch die häufige Vordatierung der Todesfälle durch Vergasung im Schloss Hartheim erklären. Am 28. März wurden abgesehen von Jean-Baptiste Lalhève mindestens 21 Franzosen im Revier aufgenommen und anschließend im Schloss Hartheim vergast. Ihr Tod wurde jeweils am 21., 22. und 23. August 1944 registriert.

Als ihr Vater wahrscheinlich bereits tot war, verließen zuerst Léon und anschließend Jean-Pierre das Zentrallager, um nach Gusen überstellt zu werden. Am 26. April legte Léon die wenigen Kilometer, die die beiden Lager voneinander trennten, in Begleitung von achtzehn Franzosen, vier Polen und einem Russen zu Fuß zurück. Im Lager Gusen wurde er im Auftrag der Firma Steyr-Daimler-Puch AG im Rahmen des unter dem Decknamen „Georgenmühle“ getarnten Projekts zur Herstellung von Pistolen- und Gewehrteilen eingesetzt. Am 7. Mai 1944 erreichte Jean-Pierre gemeinsam mit 700 Häftlingen Gusen, wo er als Hilfsarbeiter eingesetzt wurde. Am 13. Juni wurde er im Revier aufgenommen, wo er bis 19. September blieb. Anschließend nahm er die Arbeit wieder auf. Léon wurde vom Block D des Lagers in den Ruhrkranken vorbehaltenen Block 31 gebracht und starb dort am 19. Dezember 1944. Jean-Pierre war infolge der unmenschlichen Witterungsbedingungen des Winters 1944 in Gusen völlig erschöpft und wurde am 13. März ins Zentrallager zurückgebracht, wo er unverzüglich ins Revier eingewiesen wurde. Er starb am 20. April 1945 im Block 8 des Sanitätslagers, nur zwei Tage bevor die ersten Franzosen vom Internationalen Roten Kreuz nach Frankreich zurückgebracht wurden. 

Jean-Baptiste, Jean-Pierre und Léon Lalhève erhielten im Juli 1953 die Auszeichnung Mort pour la France (Für Frankreich gestorben) und den Titel Déporté résistant (Deportierter Widerstandskämpfer).

Adeline Lee

Quellen:

SHD (Service Historique de la Défense - Zentrales Archiv des französischen Verteidigungsministeriums und der französischen Armee), Akte MED 21 P 471895 (Jean-Baptiste), 21 P 471896 (Jean-Pierre), 21 P 471897 (Léon), MA 27/2, 27/5, 55, 16/2, 26/14, 13/3, 26/7, 26/8, 41/9, 54/2, 12/4, Häftling-Personal-Karte (Jean-Pierre), 26 P 1132 Originalregister des Konzentrationslagers Mauthausen.

Privatarchive Pierre Serge Choumoff, Kopie des Operationsbuches Gusen.

Literatur:

Choumoff Pierre Serge, Les assassinats par gaz à Mauthausen et Gusen, camps de concentration nazis en territoire autrichien (Massentötungen durch Giftgas in Mauthausen und Gusen, nationalsozialistische Konzentrationslager auf österreichischem Gebiet), Auszug aus der Revue des Zeitgenössischen jüdischen Dokumentationszentrums CDJC Le Monde juif Nr. 123-124 (1986), Paris, 1987, 63 Seiten.

Choumoff Pierre Serge, Les assassinats nationaux-socialistes par gaz en territoire autrichien 1940-1945 (Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas auf österreichischem Gebiet 1940-1945), Wien/Paris, Mauthausen-Studien/Pierre Serge Choumoff, Band 1b, 2000, 158 Seiten.

Winkler Jean-Marie, Gazage de concentrationnaires au château de Hartheim. L’action « 14f13 » 1941-1945 en Autriche rattachée. Nouvelles recherches sur la comptabilité de la mort (Vergasung der KZ-Häftlinge im Schloss Hartheim. Die Aktion „14f13“ 1941-1945 im angeschlossenen Österreich. Neue Forschungsarbeiten über die Buchhaltung des Todes), Vorwort von Yves Ternon, Paris, Tirésias, Samml. „Ces oubliés de l’Histoire“ („Die Vergessenen der Geschichte“), 2010, 383 Seiten.

Vitry Stéphanie, Les morts de Gusen, camp de concentration autrichien (à partir du dépouillement d’un registre de morts, avril 1943 – mai 1945) (Die Toten von Gusen, österreichisches Konzentrationslager (auf Grundlage eines Sterberegisters, April 1943 – Mai 1945), Magisterarbeit unter der Leitung von Antoine Prost und Claire Andrieu, Universität Paris I Panthéon-Sorbonne, CRHMSS, 1995, 148 Seiten.

 

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