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Vittorio Benzi 1927 - 1945 Bearbeiten

Geboren 22.3.1927 in Vinchio
Gestorben 22.3.1945 in Gusen

Biografie

Vittorio Benzi (Häftlingsnummer 115373), wegen seiner Teilnahme an einer Aktion in Mombercelli als Partisan und deshalb als gefährlich eingestuft, wird von den Nazifaschisten am 3. Dezember 1944 in Vinchio (Asti) verhaftet. Mit ihm werden seine Brüder Biagio Benzi (Häftlingsnummer 43493), Überlebender des KZ Flossenbürg, Giovanni Benzi (Häftlingsnummer 7332), Überlebender des KZ Bozen, und der Verlobte seiner Schwester Margherita, Natale Pia (Häftlingsnummer 115658), Überlebender der KZ Mauthausen und Gusen, festgenommen.

Aus den Erinnerungen der Nichte Primarosa Pia:

„Wer damals an jenem Tag nicht mit uns nach Vinchio gekommen ist, hat das Schauspiel der Verdichtung der dunklen Wolken auf dem ‚Felsen der fünfzig Jahre‘ verpasst, sowie den unbändigen Wind, der vor Beginn des Regens die Terrasse der schlichten großen weißen Villa sauber gefegt hatte. Und hat Blitz und Donner nicht mitbekommen, den endlich einmal großzügig auf die durstigen Rebstöcke und Obstbäume fallenden Regen … und die Stimme von Luciano [Nattino][1], der uns die Worte von Davide [Lajolo][2] vorliest, welcher im Alter von 50 Jahren auf dem Felsen seiner Kindheit die Handflächen betrachtete, um Bilanz über sein Leben zu ziehen.

Und die Liebe von Laurana [Lajolo][3] für ihren Vater und für diesen Landstrich, welcher in den vielen Geschichten beschrieben wird, die heute von manch einem ‚Großstadtlegenden‘ genannt werden, und die keiner mehr Zeit hat, sich anzuhören. So wie auch die Erzählungen von wahren und wirklichen Ereignissen zweier wahrer und wirklicher Deportierter, die zu müde sind, um noch für lange Zeit ihre wahren und wirklichen Erinnerungen zum Besten zu geben …

Und die Szenerie der 37 Orte, die sich um diese Terrasse herum befinden, löst sich nach und nach auf, der Horizont rückt wieder in weite Ferne, bis zum Meer.

Auch Angelina war auf der Terrasse, an jenem Tag in Vinchio, um Carlo [Lajolo][4] und Natalino [Pia] zuzuhören, ‚Tarzan‘ und dem ‚kleinen Blonden‘: Sie hörte ihnen zu, während sie auf der Steinbank mit dem Rücken an der Wand saß, mit ihren zarten Schultern in dem leichten Pullover und den lebhaften dunklen Augen, die tränenerfüllt wegen der vielen Erinnerungen, wegen der immer schwerer lastenden Entbehrungen leuchteten. Sie dachte an ihre Freundin Margherita, meine Mutter, die uns im Jänner für immer verlassen hatte, aber vor allem an Vittorio, der zu seinem 18. Geburtstag ein Krematorium vorfand. Ich habe sie umarmt und sie gebeten, mir doch etwas von ihm zu erzählen, worauf sie lächelte: ‚Wir waren Klassenkameraden, haben zusammen gespielt und uns Streiche ausgedacht … er war ein lebhafter Junge, immer lustig, unbändig und konnte eines sehr gut, was damals die Lieblingsbeschäftigung der Dorfjungen war: das Imitieren der wenigen Straßenkünstler, die sich zu uns hinauf wagten, oder der Menschen, die leichte Behinderungen hatten; also humpelte, stotterte oder tastete er sich voran. Aber seine wahre Leidenschaft waren Motorräder, die er sich nur in seiner Fantasie vorstellen konnte, statt sie in der Wirklichkeit zu sehen und anzufassen.

Und eines Tages hatte er dann tatsächlich sein Motorrad: Er hatte ein langes Schilfrohr ‚geschält‘, das heißt an einem Ende für circa 30 Zentimeter ausgefranst, ist darauf herumgeritten und mit dem ausgefransten Teil am Boden durch das Dorf gerannt und hat aus voller Kehle die Geräusche eines Motorrads nachgemacht: das Beschleunigen, das Bremsen, das enge Kurvenfahren, wobei er so viel Staub aufwirbelte, dass der Metzger voller Wut aus seiner Metzgerei trat und ihn mit seinem Messer bedrohte‘ ...

Ja, der unbändige ‚Toju‘, der wohl heilfroh war, als sich die Gelegenheit bot, mit den Großen mitzugehen, um Faschisten und Deutsche zu bekämpfen, und der wahrscheinlich der am wenigsten Erschrockene war an dem Tag, als diese mit viel Lärm und Gebrüll gekommen waren, sie aus ihrem Versteck herauszuholen und wegzubringen. Eine wahrhaftige Razzia, die so schrecklich gewesen sein muss, dass ich den Terror aus den Erzählungen der Mutter und den Erinnerungen des Vaters Camillo, der den großen Schmerz nur wenige Monate überlebte, heraushören konnte.

Etwas ganz anderes als die belustigte Wut des Metzgers erwartete Vittorio am Ende seiner Fahrt, dort erwartete ihn der Schlachthof der Menschen."

Primarosa Pia

Primarosa Pia ist die Tochter des nach Mauthausen/Gusen deportierten Natale Pia und Nichte des in Gusen gestorbenen Vittorio Benzi. Sie ist Autorin und in der Holocaust Education engagiert.

 

Aus dem Italienischen von Camilla Brunelli

 


[1] Luciano Nattino: Theaterregisseur.

[2] Davide Lajolo: Partisanenführer, später Senator der Republik Italien und ehemaliger Leiter der Tageszeitung L’Unitá.

[3] Laurana Lajolo: Tochter von Davide, Historikerin und Kulturvermittlerin.

[4] Carlo Lajolo: Häftling Nummer 115562 im KZ Mauthausen/Gusen.

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