Zurück

Raffaello Giolli 1889 - 1945 Bearbeiten

Geboren 3.4.1889 in Alessandria
Gestorben 6.1.1945 in Gusen

Biografie

Zu einer Zeit, in der die Freiheit nichts galt, war Raffaello Giolli ein unbeugsam freier Intellektueller. 1889 in Alessandria geboren, bekundet er schon sehr früh sein Interesse für die Kunst; noch als Schüler schreibt er für Kunstzeitschriften und nach dem Hochschulabschluss widmet er sich der Vermittlung von Kunst durch Ausstellungen, Konferenzen und Kurse. Er arbeitet als Lehrer für Kunstgeschichte in verschiedenen Gymnasien, wird aber entlassen, als das Regime 1931 von den Lehrern den faschistischen Eid fordert. In Kenntnis der aktuellen Kunsttendenzen in Europa übt er in Tageszeitungen und Zeitschriften scharfe Kritik an der offiziellen italienischen Kunst. Sehr innovativ ist auch der Ansatz der Zeitschriften, die er selbst gründet, um vor Augen zu führen, dass „man die Kunst nicht nur in einem Gemälde, sondern auch in einem billigen Wecker und in einem Telefonapparat finden kann“. Auch will er damit Architekten bekannt machen, „denen weder Stadt noch Staat die öffentlichen Gebäude anvertraut haben“. In der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre steht die Architektur im Mittelpunkt seiner Überlegungen, dokumentiert durch seine Artikel für die Zeitschriften Domus und Casabella. Als leidenschaftlicher Verfechter der wichtigen Rolle der Künstler in der Gesellschaft und der Notwendigkeit des freien künstlerischen Ausdrucks, kritisiert er die Versuche der totalitären Staaten, die Künstler in ihrer Freiheit einzuschränken, was ihn in einen offenen Konflikt mit dem Regime bringt. Aus diesem Grund wird er im Juli 1940 zusammen mit seinem 19-jährigen Sohn in einem Konzentrationslager in den Abruzzen interniert und später zu Hausarrest verurteilt. Trotz ständiger Überwachung nimmt er Kontakt mit den Partisanen auf und versucht nach seiner Rückkehr nach Mailand eine Widerstandsbewegung in den Reihen von Künstlern und Intellektuellen zu organisieren. Am 14. September 1944 werden seine Wohnung durchsucht, seine Schriften beschlagnahmt und er wird zusammen mit seiner Frau und dem jüngsten seiner drei Söhne in eine Kaserne überführt, in der eine berüchtigte faschistische Aktionsgruppe ihr Unwesen treibt. Unter dem Druck brutaler Verhöre stürzt er sich aus dem Fenster, um seine Familienangehörigen vor Verfolgungen zu bewahren, und zieht sich dabei Knochenbrüche zu. Nach 18 Tagen wird er in das Mailänder Gefängnis überstellt, von hier aus in das Durchgangslager Bozen, wo er dem Architekten Giuseppe Pagano begegnet. Schließlich wird er nach Mauthausen deportiert und dem Außenlager Gusen zugeteilt. Nach einer schweren Lungenentzündung kommt er in den so genannten „Bahnhof“ von Gusen I, wo er am 6. Jänner 1945 stirbt.

Der mit ihm befreundete Maler Aldo Carpi erinnert an Raffaello Giolli im Tagebuch Diario di Gusen:

„Als Giolli starb, war er keine 20 Meter von mir entfernt, da ich den ‚Bahnhof‘ von meinem Bett aus sehen konnte. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass er dort war, da er doch erst tags zuvor ins Krankenrevier eingeliefert worden war. Und ich hatte alle davon unterrichtet, dass es mein enger Freund war, einer der wichtigsten italienischen Kunstkritiker. (…) Die ‚Desinfektion‘ fand nur im Block 31 statt, vor allem im Bahnhof. Zu einem bestimmten Zeitpunkt ließen sie einen Teil der Kranken herauskommen – theoretisch die weniger schweren Fälle, faktisch aber eher wahllos – und die anderen wurden der Desinfektion unterzogen: mit Gas, wie man weiß. Sie brachten sie alle um. Und dieses Mal war auch Raffaello Giolli darunter.“

Das Buch La disfatta dell'Ottocento (Das Debakel des 19. Jahrhunderts), Ergebnis einer langen Auseinandersetzung mit den Fragen der Kunst in der zeitgenössischen Gesellschaft, wurde während der Verhaftung teilweise zerstört, von seiner Ehefrau Rosa Menni rekonstruiert und 1961 veröffentlicht.

Paola Franceschini

Paola Franceschini ist Philosophin und Kunsthistorikerin und lebt in Brescia (Italien).

 

Aus dem Italienischen von Camilla Brunelli

Dateien

Informationen zur Person senden...

Weitere Informationen zur Person hinzufügen...